Berlin, November 1989. Ich war im Loft bei einem Faith No More Konzert, laut, intensiv, einer dieser Abende, wie es sie in dieser Stadt viele gab. Eigentlich nichts Besonderes, dachte ich. Doch als das Konzert zu Ende war und ich nach draußen trat, merkte ich sofort, dass etwas anders war. Die Straßen waren voll, viel zu voll für diese Uhrzeit, und dann sah ich sie: Trabis, überall Trabis. Menschen liefen durcheinander, lachten, weinten, umarmten sich, und ich stand einfach da und versuchte zu begreifen, was hier gerade geschah. Es fühlte sich unwirklich an, wie ein Moment zwischen zwei Zeiten, und gleichzeitig war mir plötzlich alles klar. Noch bevor irgendjemand es wirklich aussprach, wusste ich: Morgen werden sie kommen.

Am nächsten Morgen war ich sehr früh bei WOM in der Augsburger Straße. Es gab keine Zeit zu verlieren. Ich griff sofort zum Telefon und begann, alles zu organisieren, was ging. Ich rief die Plattenfirmen an, sprach mit Lieferanten, bestellte, was ich für richtig hielt. Keine Experimente, keine Trends – das hier war ein besonderer Moment, und ich setzte auf das, was jeder kannte: Beatles, Rolling Stones, Udo Lindenberg. Musik, die verbindet. Und natürlich Vinyl. Ich wollte vorbereitet sein, bevor es Engpässe gab. Die Faxgeräte liefen, der Computer lief, und ich hing ununterbrochen am Telefon, bestellte, orderte nach, sicherte Ware, als würde alles davon abhängen.

Und dann kamen sie. Nicht vereinzelt, sondern in Wellen. Menschen aus dem Osten, viele zum ersten Mal im Westen, viele zum ersten Mal in einem Laden wie WOM. Sie standen vor den Regalen, nahmen Platten in die Hand, betrachteten die Cover, als wären sie Fenster in eine andere Welt, und sie kauften. Entschlossen, begeistert, ohne Zögern. Die Tage danach fühlten sich an wie die Zeit kurz vor Weihnachten, nur intensiver, dichter, bedeutungsvoller. Ich saß wieder am Telefon, immer wieder, bestellte nach, organisierte, hielt den Laden am Laufen, während draußen Geschichte geschrieben wurde und wir mittendrin waren.

Wenn ich heute daran denke, sehe ich diese Nacht sofort wieder vor mir, diese Bilder, diese Stimmung, dieses Gefühl, dass sich in einem einzigen Moment alles verschoben hat. Ich war von 1986 bis 2004 bei WOM, sechzehn Jahre davon als Chef-Disponent in der Augsburger Straße, aber dieser eine Augenblick, diese Nacht vor dem 9. November 1989, ist mir geblieben wie kaum ein anderer, weil ich genau in diesem Moment wusste, dass sich alles verändern würde.




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