Einladungen gehörten damals zum Alltag, doch für mich waren sie selten bloß angenehme Begleiterscheinungen des Geschäfts. Viele empfand ich als wichtig, manchmal sogar als langfristige Investition in Beziehungen. Kontaktpflege, auch unter Wettbewerbern, war für mich nie nur eine Frage des Augenblicks. Vertrauen entstand nicht auf Messen oder in Meetings allein, sondern über Jahre hinweg, oft beiläufig, manchmal erst im Rückblick erkennbar.

Gefühlt zwanzig Jahre später zeigte sich, wie nachhaltig solche Verbindungen sein konnten. Über Bernd Mai gelang es mir, zwei ehemalige WOM-Kollegen bei Saturn in Kiel unterzubringen. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich längst nicht mehr bei WOM, sondern war bereits einige Zeit bei ELAC Nautic tätig, heute Sonar. Dennoch blieben die alten Netzwerke lebendig, fast selbstverständlich, als hätte sich der Kreis nie ganz geschlossen.

Zwei Einladungen sind mir besonders im Gedächtnis geblieben, irgendwo zwischen Kultur und Rock’n’Roll angesiedelt, beide auf ihre Weise typisch für diese Jahre.

Die erste führte nach Lissabon, anlässlich eines Konzerts und Album-Releases der portugiesischen Metal-Band Moonspell. Vertrieb SPV, Label Century Media. Schon am Nachmittag zeigte sich, dass die Labelmanager die Reise eher großzügig interpretierten; am Pool wurde ausgelassen gefeiert, und der Tag hatte für manche deutlich früher begonnen als geplant. Fritz und ich hielten uns zurück, beobachteten das Geschehen bei einem Bier und ließen die Atmosphäre auf uns wirken.

Am Abend folgte ein gemeinsames Essen in einer offenen, beinahe kathedralenartigen Umgebung, warmes Licht, Stimmengewirr und diese besondere Erwartung, die einem Konzert vorausgeht. Danach erlebten wir ein intensives, energiegeladenes Konzert, roh und unmittelbar. Die Nacht endete irgendwo in den Straßen von Lissabon, und wie so oft verschwammen Gespräche, Musik und Begegnungen zu einem langen, offenen Moment. Es ging dabei nie nur ums Feiern. Kontakte wurden vertieft, Vertrauen entstand, oft ganz nebenbei.

Das kulturelle Gegenstück dazu erlebte ich einige Zeit später in Venedig, eingeladen von Winter & Winter, damals im Vertrieb von EDEL-Contraire. Diese Reise hatte eine völlig andere Tonlage.

Schon die Ankunft setzte den Rahmen: vom Flughafen Marco Polo mit dem Wassertaxi durch die Lagune zum Hotel, das erste Risotto noch unter dem Eindruck der Stadt, die im Abendlicht zu schweben schien. Am späten Nachmittag öffnete der Dogenpalast exklusiv für unsere kleine Gruppe seine Türen. Durch die zunehmend dunkler werdenden Räume führte uns Stefan Winter selbst, hinaus in ein nächtliches Venedig, das fernab der Touristenströme lag. Der Abend endete in einem rustikalen Restaurant, schlicht, warm und überraschend persönlich.

Am nächsten Morgen wurde eigens für uns das Wagner-Museum geöffnet. Danach blieb Zeit, sich treiben zu lassen, durch Gassen, über Brücken, ohne Ziel. Am Abend versammelten wir uns im Café Quadri zu einem mehrgängigen Essen, begleitet von der Präsentation neuer Alben von Uri Caine und Ernst Reijseger. Musik wurde hier nicht verkauft, sondern erzählt, erklärt, beinahe zelebriert.

Der eindrucksvollste Moment folgte am Sonntag. Mit dem Boot fuhren wir zu einer kleinen Insel, deren Namen ich heute nicht mehr sicher weiß. In einer Kathedrale erwartete uns ein sardischer Chor. Die Sänger standen im Kreis, ihre Stimmen rau und archaisch, getragen von kehligen Obertönen, während der Solist in der Mitte sang. Der Raum antwortete mit einem Echo, das jede Note verlängerte und in der Höhe schweben ließ. Für einen Augenblick schien Zeit keine Rolle zu spielen. Es war weniger ein Konzert als ein Erlebnis, das sich kaum beschreiben ließ und gerade deshalb bis heute geblieben ist.

Wenn ich an diese Einladungen zurückdenke, denke ich nicht zuerst an Glanz oder Privilegien. Es waren Begegnungen, aus denen Beziehungen entstanden, Momente, in denen Musik, Menschen und Orte für kurze Zeit eine Einheit bildeten. Vielleicht lag genau darin ihr eigentlicher Wert.




Vielen Dank! eine Emailadresse haben wir erhalten und du bekommst eine Nachricht, sobald das Buch erschienen ist. KEINE Werbung KEIN Newsletter