Irgendwann bewarb sich Inga erneut, und diesmal hatte sie Glück. Sie wurde eingestellt. Zunächst sollte sie von den Kolleginnen eingearbeitet werden, um später die Filiale in Düsseldorf buchhalterisch zu übernehmen. Wir aus der Technik und EDV nahmen zwar wahr, dass neue Gesichter im Haus waren, aber wirkliche Berührungspunkte gab es zunächst nicht. Für die Eröffnung in Düsseldorf wollte Inga unbedingt vor Ort sein, um ein Gefühl für die Abläufe und die Kollegen zu bekommen. Rückblickend war genau das wohl ihre Eintrittskarte, nicht nur für Düsseldorf, sondern auch für uns.

Ich kam damals mit dem LKW zur Eröffnung, voll beladen mit Büroausstattung und Ware. Wie so oft lief alles hektisch und chaotisch ab. Nach dem Entladen stand ich da, ohne Hotelzimmer und ohne eine vernünftige Möglichkeit, mich umzuziehen. Trotzdem wollte ich mir den Eröffnungsabend nicht entgehen lassen, nicht zuletzt wegen des Buffets, das meine Reisekasse schonte. So saß ich also am Tisch mit unserem Chefbuchhalter aus der Zentrale, wir unterhielten uns, und dann kam Inga dazu. Ich glaube, sie war auch froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Wir kamen ins Gespräch, und ich erzählte ihr von meiner Situation, dass ich noch kein Hotel hatte und vermutlich im LKW übernachten oder nachts noch zurückfahren würde. Gegen halb zehn machte ich mich dann auf den Weg zu einer Telefonzelle in der Nähe. Ich suchte im Telefonbuch nach Hotels und telefonierte mehrere ab, aber überall bekam ich Absagen. Als ich zurückkam, erzählte ich Inga, dass ich wohl im Auto schlafen müsse. Da meinte sie plötzlich: „Moment, ich habe doch ein Hotel in Köln, ist ja nicht weit. Ich kann ja mal nachfragen.“ An Köln hatte ich überhaupt nicht gedacht. Aber warum nicht, fragen kostet nichts.

Also gingen wir gemeinsam zur Telefonzelle. Sie rief dort an, und tatsächlich, ein Zimmer war frei. „Na siehst du“, sagte sie, „dann weiß ich ja, wer mich heute Abend zum Hotel bringt.“ Gegen 23:30 fuhren wir dann zusammen nach Köln. Und irgendwie passte es ins Bild, dass ich den LKW fast direkt vor dem Hotel parken konnte. Glück muss man haben. Ich checkte ein, und der Abend fand seinen ruhigen Ausklang. Am nächsten Morgen trafen wir uns zum Frühstück in der Lobby. Ich erzählte ihr, dass ich heute zurück nach Kiel fahren würde. Sie zögerte kurz, wirkte ein wenig unsicher, und fragte dann vorsichtig: „Kann ich vielleicht mitfahren?“ „Klar“, sagte ich, „dann ist die Fahrt nicht ganz so einsam.“ Ich bezahlte das Zimmer, wir stiegen in den LKW und fuhren los. Raus aus Köln, rauf auf die Autobahn, und wir redeten. Stundenlang. Und ich glaube, genau dort ist etwas passiert.

Etwas, das man nicht planen kann. Etwas, das einfach geschieht. Ich glaube, auf dieser Fahrt wurden die Weichen gestellt, für unsere Zukunft, für alles, was danach kam. Und wenn ich ehrlich bin, war unsere Geschichte bei WOM kein Einzelfall. Im Gegenteil. Es entstanden dort unzählige Beziehungen, viele davon haben bis heute Bestand. Was auch nicht überrascht, wenn man bedenkt, dass zeitweise rund 600 Menschen mit der gleichen Leidenschaft fast täglich zusammenkamen. Musik war nicht nur Arbeit, sie war ein gemeinsamer Nenner, ein Lebensgefühl. Es gab Verbindungen quer durch alle Ebenen, zwischen Verkauf und Zentrale, zwischen Technik und Administration, zwischen Menschen, die sich unter anderen Umständen vielleicht nie begegnet wären. Und das Entscheidende war: Es wurde nicht hinterfragt. Es wurde toleriert, vielleicht sogar stillschweigend akzeptiert, weil es einfach Teil dieser besonderen Welt war.

Und manchmal denke ich daran, wie sich Dinge auf eine Weise fügen, die man nicht planen kann. Dass ausgerechnet dieser Weg, der so unscheinbar begann, uns schließlich dorthin geführt hat, wo wir heute stehen. Dass dieses Buch Jahre später genau an unserem Hochzeitstag erschienen ist, fühlt sich fast wie ein leiser Wink des Schicksals an, als würde es unsere Geschichte noch einmal aufgreifen und bewahren und uns daran erinnern, dass all diese Momente, diese Orte und Begegnungen nicht vergangen sind, sondern in uns weiterleben.




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